In der gegenwärtigen Atomausstiegsdebatte wird viel von Effizienz und Effizienzsteigerung gesprochen. Während die Ausstiegsbefürworter («gesparte Energie ist die billigste Energie») ein riesiges Potential in der Effizienzsteigerung sehen, bezweifeln die Gegner, dass damit ihr Ziel – den Energiebedarf der Zukunft zu günstigen Preisen zu decken – erreicht werden kann. Dennoch wehren sie sich gegen alle Massnahmen, die das Prinzip der Freiwilligkeit unterlaufen. Ich meine dagegen: nur vernünftige gesetzliche Rahmenbedingungen bringen uns weiter.
Wer sich mit den Fakten befasst, erkennt rasch, dass die einfache Vorstellung, dass sich Energie-Effizienz nur schon aus finanziellen Gründen von selbst durchsetzt, nicht wirklich funktioniert. Private Verbraucher wissen oft nicht einmal über ihre Stromkosten Bescheid. Erhöhte Strompreisen mögen zwar als politische Drohkulisse eine Wirkung haben. Aber die Privat-Verbraucher, welche bewusst nicht aus ökologischen, sondern aus monetären Gründen Strom sparen, sind wohl spärlich gesät. Und sie würden es auch bleiben, wenn der Strompreis doppelt so hoch wie heute wäre. Zudem haben sie – die Schweiz ist ein Volk von Mieterinnen und Mietern – oft auch nicht die Möglichkeit, wesentliche Investitionsentscheide zu treffen. Ob ein teurerer und energieeffizienterer Kühlschrank (mit billigeren Stromkosten) oder ein etwas weniger modernes Modell gekauft wird, das entscheidet der Eigentümer. Die Stromrechnung, die zahlt der Mieter.
Industriemotoren brauchen 20% der Elektrizität
Man würde denken, dass dies in der Industrie anders ist. Leider stimmt das nicht. Ein einfaches Beispiel führte die NZZ am Sonntag vom 12. Juli an. Die gesamte Industrie verbraucht laut Ulrich Spiesshofer, Chef der Industriemotorensparte von ABB, heute rund ein Drittel der produzierten Elektrizität – davon wiederum entfallen zwei Drittel auf Industriemotoren. Industriemotoren sind also für mehr als ein Fünftel des Elektrizitätsverbrauchs verantwortlich. Dennoch ist der Park massiv veraltet: «90% der heute installierten Motoren laufen auf vollen Touren, auch wenn nur ein Teil der Leistung benötigt wird. Weder Leistung noch Tempo können reguliert werden» wird Spiesshofer zitiert.
Obwohl die eingesparte Energie mit moderneren Modellen die Investitionskosten sehr rasch amortisieren würde – selbst bei den heutigen, viel zu tiefen Strompreisen – beten viele offenbar lieber das Klagelied der armen Industrie herunter, welche auf genügend günstigen Strom angewiesen sei. Offensichtlich funktioniert die vielbeschworene freiwillige Effizienzsteigerung selbst dann nicht im grossen Stil, wenn sie sich finanziell sogar lohnte.
Strengere Standards sind nötig
Diese Beispiele zeigen: Freiwilligkeit allein funktioniert nicht. Es braucht auch strengere Gerätestandarts. Im Bereich der Haushaltgeräte könnte auf den Toprunner-Ansatz gesetzt werden. Der funktioniert ganz einfach: Die momentan effizientesten erhältlichen Geräte einer bestimmten Kategorie werden zum Massstab genommen. Innert einer Frist von z.B. fünf Jahren sind nur noch Geräte zugelassen welche gleich effizient oder effizienter sind. Im Bereich der Industriemotoren ist es unverständlich, warum die Schweiz im Sommer bloss die Norm IE2 und nicht die effizientere Norm IE3 («Erstklassige Effizienz») vorschreibt, wie sie auch in den USA für Neuinstallationen Vorschrift sind.
Zum Autor: Balthasar Glättli (Web, Facebook, Twitter) sitzt für die Grünen im Zürcher Gemeinderat und kandidiert bei den Ständeratswahlen. In Kürze folgt die Replik der Jungfreisinngen Brenda Mäder (Web, Facebook, Twitter).