Mehr Effizienz und Freiwilligkeit – genügt das?

Von Balthasar Glättli, 5 Kommentare

In der gegenwärtigen Atomausstiegsdebatte wird viel von Effizienz und Effizienzsteigerung gesprochen. Während die Ausstiegsbefürworter («gesparte Energie ist die billigste Energie») ein riesiges Potential in der Effizienzsteigerung sehen, bezweifeln die Gegner, dass damit ihr Ziel – den Energiebedarf der Zukunft zu günstigen Preisen zu decken – erreicht werden kann. Dennoch wehren sie sich gegen alle Massnahmen, die das Prinzip der Freiwilligkeit unterlaufen. Ich meine dagegen: nur vernünftige gesetzliche Rahmenbedingungen bringen uns weiter.

Wer sich mit den Fakten befasst, erkennt rasch, dass die einfache Vorstellung, dass sich Energie-Effizienz nur schon aus finanziellen Gründen von selbst durchsetzt, nicht wirklich funktioniert. Private Verbraucher wissen oft nicht einmal über ihre Stromkosten Bescheid. Erhöhte Strompreisen mögen zwar als politische Drohkulisse eine Wirkung haben. Aber die Privat-Verbraucher, welche bewusst nicht aus ökologischen, sondern aus monetären Gründen Strom sparen, sind wohl spärlich gesät. Und sie würden es auch bleiben, wenn der Strompreis doppelt so hoch wie heute wäre. Zudem haben sie – die Schweiz ist ein Volk von Mieterinnen und Mietern – oft auch nicht die Möglichkeit, wesentliche Investitionsentscheide zu treffen. Ob ein teurerer und energieeffizienterer Kühlschrank (mit billigeren Stromkosten) oder ein etwas weniger modernes Modell gekauft wird, das entscheidet der Eigentümer. Die Stromrechnung, die zahlt der Mieter.

Industriemotoren brauchen 20% der Elektrizität

Man würde denken, dass dies in der Industrie anders ist. Leider stimmt das nicht. Ein einfaches Beispiel führte die NZZ am Sonntag vom 12. Juli an. Die gesamte Industrie verbraucht laut Ulrich Spiesshofer, Chef der Industriemotorensparte von ABB, heute rund ein Drittel der produzierten Elektrizität – davon wiederum entfallen zwei Drittel auf Industriemotoren. Industriemotoren sind also für mehr als ein Fünftel des Elektrizitätsverbrauchs verantwortlich. Dennoch ist der Park massiv veraltet: «90% der heute installierten Motoren laufen auf vollen Touren, auch wenn nur ein Teil der Leistung benötigt wird. Weder Leistung noch Tempo können reguliert werden» wird Spiesshofer zitiert.

Obwohl die eingesparte Energie mit moderneren Modellen die Investitionskosten sehr rasch amortisieren würde – selbst bei den heutigen, viel zu tiefen Strompreisen – beten viele offenbar lieber das Klagelied der armen Industrie herunter, welche auf genügend günstigen Strom angewiesen sei. Offensichtlich funktioniert die vielbeschworene freiwillige Effizienzsteigerung selbst dann nicht im grossen Stil, wenn sie sich finanziell sogar lohnte.

Strengere Standards sind nötig

Diese Beispiele zeigen: Freiwilligkeit allein funktioniert nicht. Es braucht auch strengere Gerätestandarts. Im Bereich der Haushaltgeräte könnte auf den Toprunner-Ansatz gesetzt werden. Der funktioniert ganz einfach: Die momentan effizientesten erhältlichen Geräte einer bestimmten Kategorie werden zum Massstab genommen. Innert einer Frist von z.B. fünf Jahren sind nur noch Geräte zugelassen welche gleich effizient oder effizienter sind. Im Bereich der Industriemotoren ist es unverständlich, warum die Schweiz im Sommer bloss die Norm IE2 und nicht die effizientere Norm IE3 («Erstklassige Effizienz») vorschreibt, wie sie auch in den USA für Neuinstallationen Vorschrift sind.

 

Zum Autor: Balthasar Glättli (Web, Facebook, Twitter) sitzt für die Grünen im Zürcher Gemeinderat und kandidiert bei den Ständeratswahlen. In Kürze folgt die Replik der Jungfreisinngen Brenda Mäder (Web, Facebook, Twitter).

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  • Alexander Stebler

    Warum soll der Staat nicht regulierend eingreifen, wenn ein Problem klar erkannt ist und die Lösung auf der Hand liegt? Manchmal reicht eben die begrenzte Sicht des Ego nicht, um ein gemeinsames, unbestritten erstrebenswertes Ziel zu erreichen. Das ist beim Verkehr so, aber auch in der Energiepolitik. Wie auf der Strasse im Interesse des Verkehrsflusses und der Sicherheit nicht jeder tun und lassen kann, was er will, so auch beim Stromverbrauch. Auch dort liegt es im allgemeinen Interesse, Versorgungssicherheit, Auswirkungen auf die Umwelt und Risiken möglichst klein zu halten.Der Königsweg zu diesem Ziel ist nun einmal die Energieeffizienz. Allerdings braucht es nach meiner Ansicht beide Mittel, um das Ziel zu erreichen: Gerechte Strompreise und staatliche Leitplanken. Wir haben in unserem 4 Personen Haushalt den Verbrauch um rund 10% von ca. 2100 auf unter 1900 kWh gesenkt und bezahlen dafür der EBL (Elektra Baselland) nur 3% weniger für den Strom. Das ist kein wirklicher Sparanreiz, das muss sich ändern.

  • Philipp Federer

    Träfer und stringenter Text. Dieser lässt sich nicht kontern.

  • Andreas Näf

    Klar kann alles neu gekauft werden. Wer bezahlt die Neuanschaffungen? Wie wäre es, wenn der Bund diese Neuanschaffungen über die Steuern direkt subventioniert? Ich kann mir vorstellen, dass es Firmen gibt, die vor 5 Jahren eine Maschine für die nächsten 20 Jahre gekauft hat. So einfach ist das mit der Amortisierung der neuen Maschine nicht. Eine Anschaffung setzt auch voraus, dass Firmen, vorallem auch exportierende, genügend liquid sind, oder dann die entsprechenden Kredite von den Banken erhält, und da sehe ich Schwarz. Und wie sieht es bei den Vermietern aus? Können sich die alle die neusten Geräte leisten, ohne die Mieten anzuheben? Vermutlich werden wir dann neben einer höheren Stromrechnung auch noch höhere Mieten zahlen und weniger Lohn bekommen. Ich finde auch, dass man die uneffizientesten Geräte und Installationen abschaffen sollte, aber mit genügend Fristen. Wer eine neue Maschine kaufen muss, wird sich keinen Stromfresser anschaffen, auch wenn er mehr investieren muss. Die Industrie kann rechnen, und sie tut es auch. Und sie tut es auch 1000mal besser als der Staat. Effizienz ist übrigens eine Erfindung der Industrie nicht des Staates.

  • http://www.facebook.com/people/Urs-Leutwiler/100000773884094 Urs Leutwiler

    Das grösste Problem (speziell in der Schweiz) sind bleischwere, festgefahrene Meinungen. Was kostet es, eine Meinung zu revidieren? Offenbar sehr viel. Ganz zuerst nagt es tief im Innern an der Sicherheit, Recht zu haben. Man muss dazu stehen, das etwas, was man früher als “richtig” verteidigt hat, heute nicht mehr so richtig ist. Und nicht zuletzt gilt man – besonders in konservativen Kreisen – rasch als “Windfahne”, wenn man sich durch neue Fakten und Argumente eine revidierte Meinung leistet.
    In meinen erst gut drei Jahrzehnten auf diesem Planeten habe ich schon einige solche Beispiele erlebt, die früher als unmöglich galten und heute ganz anders gesehen werden:
    - FCKW in Kühlschränken und Spraydosen ersetzen: unmöglich!
    - NiMH-Akkus: setzen sich nie durch!
    - Rauchverbot in Restaurants? Vergiss es!

    Übrigens auch in umgekehrter Richtung:
    - Waldsterben? Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich einen schönen grünen Wald!
    - Husseins angezündete Öquellen: Die Katastrophe blieb aus!
    - Schweinegrippe? Nie gehört…

    Narzissmus und mangelnde Sachkenntnis sind Gift für eine reflektierte Meinung, die sich an (neuen) Fakten orientiert. Leider sind diese beiden Eigenschaften bei Politikern fast schon Aufnahmebedingung für den Club.

    Ach ja. Glättli stimme ich zu. Effiziensteigerung ist eines der Mittel, um dem Energiehunger zu begegnen. Da sind wir erst am Anfang.
    Poltisch wirksamer Aktivismus wie z.B. ein Glühlampenverbot in Privathaushalten schadet jedoch mehr, als er nützt.

  • http://www.facebook.com/people/Urs-Leutwiler/100000773884094 Urs Leutwiler

    Das grösste Problem (speziell in der Schweiz) sind bleischwere, festgefahrene Meinungen. Was kostet es, eine Meinung zu revidieren? Offenbar sehr viel. Ganz zuerst nagt es tief im Innern an der Sicherheit, Recht zu haben. Man muss dazu stehen, das etwas, was man früher als “richtig” verteidigt hat, heute nicht mehr so richtig ist. Und nicht zuletzt gilt man – besonders in konservativen Kreisen – rasch als “Windfahne”, wenn man sich durch neue Fakten und Argumente eine revidierte Meinung leistet.
    In meinen erst gut drei Jahrzehnten auf diesem Planeten habe ich schon einige solche Beispiele erlebt, die früher als unmöglich galten und heute ganz anders gesehen werden:
    - FCKW in Kühlschränken und Spraydosen ersetzen: unmöglich!
    - NiMH-Akkus: setzen sich nie durch!
    - Rauchverbot in Restaurants? Vergiss es!

    Übrigens auch in umgekehrter Richtung:
    - Waldsterben? Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich einen schönen grünen Wald!
    - Husseins angezündete Öquellen: Die Katastrophe blieb aus!
    - Schweinegrippe? Nie gehört…

    Narzissmus und mangelnde Sachkenntnis sind Gift für eine reflektierte Meinung, die sich an (neuen) Fakten orientiert. Leider sind diese beiden Eigenschaften bei Politikern fast schon Aufnahmebedingung für den Club.

    Ach ja. Glättli stimme ich zu. Effiziensteigerung ist eines der Mittel, um dem Energiehunger zu begegnen. Da sind wir erst am Anfang.
    Poltisch wirksamer Aktivismus wie z.B. ein Glühlampenverbot in Privathaushalten schadet jedoch mehr, als er nützt.